Im zweiten Teil ihrer Artikelserie zur familienzentrierten Pflege erklärt Autorin Christine Keller, wie Pflegende betroffenen Familien in ihrer individuellen Situation Rückhalt geben können. Teil 1 der Serie finden Sie hier.

Die Lebenssituation von Familien mit einem chronisch kranken Menschen kann auf lange Sicht durch familienzentrierte Beratungs- und Förderangebote günstig beeinflusst werden. Dafür brauchen Familien nicht nur eine fachlich hochstehende Pflege und qualifizierte Beratung, sondern auch ein aufrichtiges Interesse, an ihren Besonderheiten und ihrer spezifischen Weise mit der chronischen Krankheit umzugehen. „Für eine langfristig gute Entwicklung bedarf es eines Kontextes, der betroffenen Familien sozialen Rückhalt und das Gefühl bietet, von anderen in ihrer persönlichen Situation und ihrer besonderen Geschichte mit der Krankheit bzw. Behinderung verstanden zu werden.“ (1)

Pflegefachpersonen und andere professionell Tätige können zur Stärkung des Familien-Kohärenzgefühls beitragen.

Gefühl der Verstehbarkeit fördern

Auf der kognitiven Ebene brauchen Familien Wissen zu medizinischen Fakten, aber auch zu Förderangeboten, finanziellen und institutionelle Hilfen und Unterstützungsangebote jeglicher Art.

Auf der emotionalen Ebene müssen Familien mit Gefühlen wie Unsicherheit, Trauer, Wut, Einsamkeit und Überforderung umgehen lernen. Pflegefachpersonen können dazu beitragen, dass Familien oder Familienmitglieder emotionale Blockaden und Hilflosigkeit überwinden, indem sie

  • Mitgefühl zeigen und Gefühle würdigen, aber ‚platte‘ Aufmunterungsversuche unterlassen,
  • Gefühlen direkt ansprechen, zum Beispiel: „Was macht Sie gerade so traurig?“, „Sind Sie manches Mal ärgerlich, traurig, niedergedrückt – und kennen Sie auch hoffnungsvolle und optimistische Gefühle?“,
  • Ablehnende Haltung und ambivalente Gefühle aushalten und nicht persönlich nehmen,
  • Schuldvorwürfe und emotionale Reaktionen wie Hadern und Schuldvorwürfe bremsen, weil sie unnötige Kraft kosten und sie stattdessen die Gedanken immer wieder sanft nach vorne lenken. (vgl. 1)

Gefühl der Handhabbarkeit fördern

Familien müssen erleben, dass sie handlungsfähig sind und bleiben. Dafür müssen sie das eigene Leben selbst mitgestalten und entscheiden können. Pflegefachpersonen können diese Selbstwirksamkeit unterstützen, indem sie:

  • die Ziele und Wünsche der Familie erfragen,
  • Familienmitglieder in praktische Dingen, z.B. Pflegemaßnahmen, aktiv mit einbeziehen,
  • Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, aber auch zulassen, dass Familien es dann anders tun,
  • die Familien ermutigen, aktiv Lösungsschritte zu unternehmen,
  • Wertschätzung für jegliches Tun geben und Erfolge aufzeigen,
  • Fragen stellen wie „Was macht Ihre Familie stark?“, „Was ist Ihrer Familie schon alles gelungen?“ (vgl. 1).

Gefühl der Sinnhaftigkeit fördern

Das Erreichen einer neuen Einschätzung der Lebenssituation ist für viele Familien ein langer und mühsamer Prozess. Pflegefachpersonen können diesen Prozess gut begleiten, indem sie

  • anerkennen, dass jede Familie ihr Tempo hat,
  • auf die Resilienz der Familie setzen. Die Familie muss die wichtigen Schritte selbst tun, Hilfe zur Selbsthilfe ist sinnvoller, als alles vorzugeben und abzunehmen,
  • der Familie ein Vertrauen vermitteln, auf lange Sicht einen guten Weg zu finden,
  • die Familie im Sinne eines Empowerments (Ermächtigung, Übertragung von Verantwortung) unterstützen. Dafür nehmen sie sich als „Pflegeexperte, der weiß was richtig und falsch ist“ zurück,
  • Fragen stellen wie „Was haben Sie in der Vergangenheit getan, das geholfen hat?“, „Was wäre ein erster, kleiner Schritt in eine andere Richtung, was können Sie ganz konkret machen? (vgl. 2)

Pflege- und Familienbeziehungen empathisch-emotional ausrichten

Eine vorwiegend an empathisch-emotionaler Kompetenz ausgerichtete Pflege- und Familienbeziehung ist ganzheitlich und zeichnet sich durch eine zugewandte, offene, behutsame und bewusste Haltung aus. Diese Form der Beziehungsgestaltung wird von Familien und deren kranken, pflegebedürftigen Familienmitglied gleichermaßen als unterstützend und helfend erlebt. Sie berücksichtigt Lebenswelten von Familien, Gewohnheiten, Wünsche und Ziele. Durch diese Art der Beziehungsgestaltung der Pflegekräfte erlebt die Familie ein Gesehen-Werden, Anerkennung und Wertschätzung. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass sich die Lebenssituation von Familien mit chronisch kranken und behinderten Menschen günstig entwickeln kann. (vgl. 2)

Literatur

  1. Retzlaff, R.: Familien-Stärken – Behinderung, Resilienz und systemische Therapie. Klett-Cotta 2010.
  2. Höwler E.: Beziehungsgestaltung in der Pflege. Interdependenz zwischen Pflegenden und Personen mit Demenz. Pflegezeitschrift 2018; 71: 39-42.

Autorin: Christine Keller
M.A. Systemische Beratung, Krankenschwester und Lehrerin für Pflegeberufe, Heilpraktikerin (Psychotherapie) und Systemische Beraterin

www.christine-keller.com

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