In Teil 1 der Serie zur „familienzentrierten Pflege“ erläutert Autorin Christine Keller grundlegende Konzepte wie „Salutogenese“ und „Resilienz“.

Die Zahl der Familien, die auf lange Zeit mit einem chronisch kranken oder behinderten Menschen leben, ist beträchtlich. Entwicklungen in Medizin und Technik konnten die Lebenserwartung und auch die Lebensqualität von Menschen mit schwerwiegenden Erkrankungen und Behinderungen deutlich verbessern. Für die Familie und den Kranken selbst bedeutet es aber, sie müssen jeden Tag einen Weg finden, Krankheit, Krankheitsfolgen, Therapienotwendigkeiten und Pflegebedürftigkeit ins Leben zu integrieren. Die Familie oder einzelne Familienmitglieder sind oft hochgradig belastet – denn niemand ist alleine krank, Krankheit ist immer auch eine Familienangelegenheit.

Und dennoch treffen Pflegefachkräfte und andere professionelle Helfer immer wieder auf Familien, die mit ihrer Lebenssituation bemerkenswert gut zurechtkommen. Was zeichnet diese Familien aus?

In den letzten Jahrzehnten hat sich in Medizin und Psychologie eine ressourcenorientierte Sichtweise entwickelt – in Abgrenzung zur Pathogenese. Der Soziologe Aaron Antonovsky (1923 – 1994) beschreibt in seinem Konzept der Salutogenese, warum und wie Menschen gesund bleiben bzw. trotz belastender Situationen und Lebensereignissen eine gute körperliche und geistige Lebensqualität entwickeln.  (vgl. 1)

Konzept der Salutogenese als Teil einer Familienresilienz

Eine zentrale Annahme von Antonovsky für die Widerstandsfähigkeit von Menschen und Familien ist das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence). Es besteht aus drei Komponenten:

  • Ein Gefühl von Verstehbarkeit führt zur Fähigkeit, die Umwelt, auch wenn sie chaotisch und unerklärlich ist oder neue Herausforderungen bietet, wahrzunehmen, zu ordnen und zu verstehen
  • Ein Gefühl der Handhabbarkeit führt zur Überzeugung, dass Aufgaben und Schwierigkeiten lösbar sind, weil man Ressourcen hat, um Anforderungen zu begegnen
  • Ein Gefühl der Sinnhaftigkeit ergibt sich durch die Annahme, dass die vom Leben gestellten Probleme und Aufgaben einen Sinn haben und es wert sind, sich zu engagieren, auch um sich weiterzuentwickeln. (vgl. 2)

An dieser Stelle lässt sich schon übertragen: Familien mit einem ausgeprägten Kohärenzgefühl werden Belastungen, die sich aus einer chronischen Krankheit mit Therapie- und Pflegebedürftigkeit ergeben, leichter bewältigen.

Resilienz – Widerstandsfähigkeit von Einzelnen und Familien

Der Begriff der Resilienz ist aus der Stressforschung und dem Konzept der Salutogenese entstanden. Der beschreibt die psychische Widerstandsfähigkeit von Menschen und Familien, die „Fähigkeit, angesichts belastender Lebensherausforderungen zu bestehen und zu wachsen, d.h. neue Kraftquellen zu entdecken und zu nutzen.“ (3).

Eine gute Resilienz ermöglicht es Menschen und auch Familien, selbst widrigste Lebenssituationen und hohe Belastungen ohne nachhaltige psychische Schäden zu bewältigen. Resilienz

  • kann erlernt oder erworben sein, sie ist nicht nur angeboren
  • ist dynamisch, d.h. sie verändert sich im Laufe des Lebens, ist unterschiedlich in den verschiedenen Lebensphasen oder abhängig von der äußeren Situation
  • ist multifaktoriell, d.h. neben persönlichen Faktoren spielen auch Umweltfaktoren und soziale Bindungen eine wichtige Rolle. (vgl. 1)

Das Familien-Resilienzmodell greift die Ergebnisse der individuellen Resilienzforschung auf. Die Merkmale, Dimensionen und Eigenschaften, die Familien helfen, sich gegen Veränderungen zu behaupten und sich an Krisensituationen anzupassen, lassen sich in drei Gruppen einteilen:

  • familiäre Organisationsmuster bzw. –prozesse
  • Kommunikations- und Problemlösungsprozesse
  • geteilte Glaubenssysteme und Überzeugungen von Familien. (vgl. 4)

Familiäre Organisationsmuster bzw. –prozesse

Resiliente Familien haben:

  • Flexibilität. Familien mit chronisch Kranken müssen sich ständig auf neue Situationen einstellen, gewohnte Abläufe immer wieder neu anpassen, in akuten Krankheitsphasen rasch reagieren, neue Rollenaufteilungen probieren, Rituale und Werte verändern.
  • Das sind Familien mit einem Gefühl von Verbundenheit, gemeinsamen Aktivitäten, geteilten Aufgaben und Verantwortungsgefühl, innerem emotionalen Zusammenhalt (Kohäsion).
  • Balance der Bedürfnisse. In resilienten Familien besteht eine Balance zwischen den Bedürfnissen und Erfordernissen des chronisch Kranken und den Bedürfnissen und Interessen der übrigen Familienmitglieder.
  • Aufrechterhaltung einer klaren Familienstruktur, Bewahren von klaren Grenzen der Familie nach innen und außen. Diese Familien schützen ihre Strukturen, z.B. eine Paarbeziehung. Sie haben auch einen Weg gefunden, den kranken oder behinderten Menschen sinnvoll in den Alltag der Familie und auch nach Außen einzubeziehen.
  • Mobilisierung von sozialen und materiellen Ressourcen. Ein funktionierendes soziales Netzwerk (praktisch und emotionoal) besteht im besten Fall aus der erweiterten Familie, Freunden, Nachbarn und aus professionellen Helfern. Für die Familie ist es bedeutsam, sich nicht „das Heft aus der Hand nehmen zu lassen“, Familien wünschen sich einen partnerschaftlichen Umgang, einen Kontakt auf Augenhöhe. (vgl. 4)

Kommunikations- und Problemlösungsprozesse

Die meisten Schlüsselprozesse der Resilienz werden über sprachliche Kommunikation vermittelt. Eine hohe kommunikative Kompetenz unterstützt die Familienresilienz:

  • Im Kommunikation sein und bleiben. Die Fähigkeit zu einer offenen, konkruenten und klaren Kommunikation (verbal, nonverbal) ist besonders bedeutsam bei Krankheit und Behinderung, wenn es darum geht, heikle Themen anzusprechen, schwierige Entscheidungen zu treffen oder Bedürfnisse auszuhandeln. Resiliente Familien bleiben langfristig im Gespräch.
  • Offener emotionaler Ausdruck. Familien, die offenen über Gefühle (z.B. Trauer, Wut, Freude, Erleichterung, Überlastung, Hilflosigkeit) reden und Gefühle zeigen wirken stressbedingten Folgen entgegen. Das verringert auch die Neigung zu Schuldgefühlen, Scham und Selbstvorwürfen bei einzelnen Familienmitgliedern oder der gesamten Familie.
  • Gemeinsames Problemlösen. Die Fähigkeit, gemeinsam Konflikte und Probleme zu lösen, ist die zentrale Voraussetzung für Familienresilienz gesehen. Die Zuversicht in Familien steigt, wenn es ihnen gelingt, Lösungen zu finden, Kräfte zu mobilisieren und die Entwicklung aktiv mitzugestalten. Dazu zählen zum (vgl. 4)

Geteilte Glaubenssysteme von Familien

Das bedeutet, dass in der Familie gelebte Überzeugungen, Einstellungen und Annahmen, die oft von Generation zu Generation weitergegeben werden, als „Grundprämissen des Seins“ verinnerlicht sind und auch bestimmen, wie eine Familie mit chronischer Krankheit oder Behinderung umgeht. Geteilte Glaubenssysteme sind das „Herz“  der Familie. (vgl. 4) Dazu gehört auch:

  • Widrigkeiten einen Sinn geben. Resiliente Familien verstehen Belastungen als eine Aufgabe, die es gemeinsam zu lösen gilt. Die Krisensituation erscheint verstehbar und handhabbar und trotz aller widrigen Umstände entwickeln diese Familien eine optimistische und zupackende Haltung.
  • Positive Sicht in die Zukunft. Resiliente Familien habe eine optimistische Auffassung vom Leben und eine positive Zukunftsorientierung. Das meint nicht, Probleme zu verleugnen, sondern das Positive gerade in Zeiten von Nöten zu sehen und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit zu entwickeln.
  • Transzendenz und Spiritualität. Familien mit spirituellen und religiösen Überzeugungen und Ritualen finden darin Trost und Stärke finden. Sie sind ein wesentlicher Weg, wie in schwierigen Lebenssituationen, die keinen Sinn zu machen scheinen, doch einen Sinn entstehen kann. Hierunter fallen auch eine insgesamt akzeptierende, bejahende Haltung zum Leben und zur Behinderung, eine Versöhnung mit der Situation, ‚Dinge nehmen wie sie sind‘ oder Demut vor etwas Größerem. (vgl. 4)

Literatur

  1. Pflege Heute, 7. Auflage. Elsevier Verlag 2019.
  2. Antonovsky, A.: Salutogenese – zur Entmystifizierung der Gesundheit. dgtv-Verlag 1997.
  3. Walsh, F. Strengthening family reselience. Guilford Press, 1998.
  4. Retzlaff, R.: Familien-Stärken – Behinderung, Resilienz und systemische Therapie. Klett-Cotta 2010

Autorin: Christine Keller
M.A. Systemische Beratung, Krankenschwester und Lehrerin für Pflegeberufe, Heilpraktikerin (Psychotherapie) und Systemische Beraterin

www.christine-keller.com

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