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„Kommunikation ist Leben”

Sprechzeichen sollen die Verständigung mit spracheingeschränkten Patienten erleichtern

Ein Gefühl von Geborgenheit und Verständnis vermitteln, Ängste nehmen: darum geht es im Umgang mit jungen wie alten PatientInnen in der Pflege. Grundlegend für die vertrauensvolle Beziehung zwischen Hilfebedürftigem und Pflegekraft ist dabei ohne Frage eine funktionierende Kommunikation. Doch sie stellt im Pflegealltag oft eine Herausforderung dar. Denn Patienten, denen das Sprechen – etwa nach einem Schlaganfall – nur schwer oder gar nicht möglich ist, können ihre Bedürfnisse und ihr persönliches Befinden nur schwer mitteilen. Großes Einfühlungsvermögen und hohe Kompetenz seitens der Pflegekräfte sind nötig, um Signale zu deuten und entsprechend zu reagieren. Auf dem Kongress für Außerklinische Intensivpflege und Beatmung im Oktober 2015 haben Andrea Sepperl und Peter Knoblich eine Erfindung präsentiert, die diese Verständigung wesentlich leichter machen soll: die Sprechzeichen.

Mit Symbolen Sprachbarrieren überwinden

sprechzeichen-schmerz Kurz gesagt sind die Sprechzeichen Symbolkarten zur Unterstützung der Kommunikation mit spracheingeschränkten Patienten. Zu einem handlichen Fächer gebündelt, bestehen sie aus drei Kapiteln: „ich empfinde”, „ich benötige” und „ich hätte gerne” und behandeln mit leicht verständlichen Abbildungen die Grundbedürfnisse der Patienten, wie zum Beispiel Schmerzen, Hunger und Hygiene. Ergänzend gibt es eine Karte zur Schmerzlokalisation, eine Schmerzskala und schließlich auch eine Buchstabentafel zum Verfassen individueller Mitteilungen.

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Ein Patient, der „nur“ nicht sprechen kann, motorisch aber aktiv ist, deutet selbst auf die Symbolkarten, mit denen er sich mitteilen möchte. Dem motorisch passiven Patienten geht die Pflegekraft zur Hand: Sie hält den Sprechzeichen-Fächer für ihn gut sichtbar und er bedeutet mit zuvor vereinbarten Gesten, ob sie das „richtige“ Symbol erreicht hat oder weiterblättern soll. Viele mögliche Kommunikations-Situationen lassen sich auf diese Weise meistern.

Kommunikation verbessern heißt das Leben in der Pflege verbessern

Aus dem pflegerischen Klinikalltag kennt die examinierte Krankenschwester Andrea Sepperl Verständigungsprobleme mit spracheingeschränkten Patienten nur zu gut. In ihrem berufsbegleitenden Gesundheitsmanagement-Studium hat sie sich weiter mit dem Thema Kommunikation beschäftigt und festgestellt, dass es im deutschsprachigen Raum kein Hilfsmittel dafür gibt. „Das wollten wir ändern!”, sagen Andrea Sepperl und Peter Knoblich nun. „Denn Kommunikation ist Leben. Kommunikation bedeutet Austausch und Teilhabe. Verlieren wir diese, verlieren wir einen Großteil unserer Autonomie.” Für Sepperl und Knoblich bedeutet Pflege nicht nur, Grundbedürfnisse der Patienten, wie Ernährung und Waschen, zu befriedigen, sondern auch auf Gefühle und Empfindungen adäquat eingehen zu können. „Abgesehen davon bietet gut funktionierende Kommunikation auch im Pflegealltag die Möglichkeit, effektiver mit der knappen Resource Zeit umzugehen”, fügt Andrea Sepperl hinzu.

Pflege-Know-How trifft Kommunikationsdesign

sprechzeichen-schmerzen Seit drei Jahren arbeiten Sepperl und Knoblich an der Entwicklung der Sprechzeichen. Nach dem Herausarbeiten der wichtigsten Bedürfnisse für den ersten Fächer, musste der Stil der Symbole und das Design des Fächers entwickelt und ein Name gefunden werden. Ihre verschiedenen beruflichen Hintergründe kamen dabei sehr zu Hilfe: Andrea Sepperl hat den Input aus der pflegerischen Praxis geliefert und Peter Knoblich konnte seine Erfahrung als Kommunikations- Designer einbringen, um die Symbolsprache zu entwickeln und die Form des Fächers zu designen. „Wichtig war uns auch, ein Material zu finden, das den Hygienestandards entspricht und robust ist”, erklärt Knoblich. „Auf einem Flug entdeckten wir es bei den Sicherheitskarten, die in der Rückenlehne stecken.”

Die Sprechzeichen sind nun bereits in Pflege-Einrichtungen und Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Einsatz. Jüngst kam eine Bestellung aus Luxemburg und die Bitte, Sprechzeichen ins Französische zu übersetzen. „Die Reaktionen sind durch die Bank positiv.”, freuen sich die Macher. „Pflegende bestätigen uns, dass Sprechzeichen die Kommunikation mit spracheingeschränkten Patienten tatsächlich erleichtern. Das macht uns natürlich Mut – denn dieses Ziel wollten wir erreichen.”

Sprechzeichen auch für die außerklinische Intensivpflege

sprechzeichen-kai Mit ihrer Präsentation auf dem KAI haben sich Andrea Sepperl und Peter Knoblich auf neues Terrain begeben, denn bisher entwickelten sie die Sprechzeichen primär für den klinischen Bereich. „Wir waren sehr gespannt, ob sie auch im außerklinischen Bereich ankommen würden”, verrät Peter Knoblich. Die Reaktionen der Workshop-Teilnehmer waren dann eindeutig: Nach der Frage an das Publikum, welche Symbole und Themen denn im außerklinischen Pflegebereich benötigt werden könnten, regnete es Vorschläge – wertvollen Input aus dem Pflegealltag. Verschiedenste Szenarien für morgens, mittags, abends, bis hin zu Farbtafeln für die Wahl der gewünschten Pullover-Farbe wurden genannt. „Wir haben so viele tolle neue Ideen und Anregungen erhalten und Aha-Momente erlebt. Auf vieles kommt man ja selbst gar nicht.”

sprechzeichen-kai-publikum Die Sprechzeichen kontinuierlich weiter zu entwickeln, ist Peter Knoblich und Andrea Sepperl ein großes Anliegen. Die Karten sollen in Zukunft überall dort eingesetzt werden, wo sie Kommunikations-Barrieren überwinden können. Der Fokus liegt natürlich zunächst auf der Pflege, aber auch die Bereiche Not- und Katastrophen- und Flüchtlingshilfe stehen auf der Agenda. „Unser Unternehmen Sprechzeichen GbR führen wir bislang nebenberuflich. Aber mit allen diesen möglichen Themen auf dem Schreibtisch könnten wir eigentlich auch in Vollzeit für unsere Sprechzeichen arbeiten …” meinen Sepperl und Knoblich.

Über jede Rückmeldung und Anregung zu den Sprechzeichen unter www.sprechzeichen.de freuen sie sich sehr.

Andrea Sepperl ist ursprünglich examinierte Krankenschwester und hat in den Bereichen Innere Medizin, Stroke Unit, Rehabilitation und Intensivmedizin gearbeitet. Nach dem Abschluss des berufsbegleitenden Gesundheitsmanagement-Studiums als Diplom-Betriebswirtin (FH) leitet sie nun die Abteilung Qualitätsmanagement einer Akut-Klinik in Bad Tölz.

Peter Knoblich arbeitete nach seinem Studium zum Diplom-Kommunikations-Designer (FH) als Creative Director bei der Bavaria Film. Seit 2004 ist er freischaffender Grafikdesigner für Spielfilm und Illustrator mit Schwerpunkt Storyboard und Informations- Grafik. Ehrenamtlich ist er zudem 2. Vorsitzender und Trainer der Wasserwacht Wolfratshausen.

Beide leben und arbeiten in Oberbayern, südlich von München.