Vor gut zwei Jahren, im Oktober 2018, eröffnete die Evangelische Heimstiftung (EHS) die neue Junge Intensivpflege in Besigheim. Geräumige Einzelzimmer mit moderner Technik, bundesweit einmaligem Personalschlüssel und 100-prozentiger Fachkraftquote – die Junge Intensivpflege startete als Leuchtturmprojekt. Wie sieht es heute im Alltag aus? Ein Erfahrungsbericht nach zwei Jahren.

Die Junge Intensivpflege gehört zur Evangelischen Heimstiftung (EHS). Sie ist ein Spezialbereich des Robert-Breuning-Stifts mit eigenem Versorgungsvertrag für die Pflege und Betreuung von Menschen mit apallischem Syndrom und bei invasivem und noninvasivem Beatmungsbedarf. Wir betreuen Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie z.B. ALS und Muskeldystrophien, Z.n. Reanimation und Wachkomapatienten die mit einer Trachelkänule versorgt sind. Das Projekt ist sowohl baulich als auch inhaltlich und konzeptionell einmalig in Baden-Württemberg. Die Einrichtung ist ein helles, freundliches Gebäude mit 30 großen Einzelzimmern, die sich in zwei 15-er Wohngruppen auf zwei Ebenen gliedern. Jedes Zimmer verfügt über ein eigenes Badezimmer und einem modernen, elektrischen Deckenlifter. Auch große Aufenthaltsbereiche gehören dazu.

Baulich und konzeptionell einmalig in Baden-Württemberg

Doch vor allem konzeptionell ist das Projekt einmalig in Baden-Württemberg. Denn hier wird der neue und von der EHS maßgeblich verhandelte Rahmenvertrag für außerklinische Intensivpflege umgesetzt: 100-prozentige Fachkraftquote und ein Personalschlüssel von 1:0,74 (In der stationären Pflege liegt der durchschnittliche Schlüssel bei 1:2,3).

Außerdem werden die Bewohnerinnen und Bewohner finanziell entlastet, weil sich nicht nur die Pflege- sondern auch die Krankenkasse an den Kosten beteiligt, was die Eigenanteile verringert. Momentan hat die Einrichtung einen Eigenanteil von 2.899,62 Euro, mit dem alten Rahmenvertrag lagen die Kosten über 4.000,- Euro im Monat. Mit dem neuen Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz entfällt nun auch dieser Eigenanteil komplett, was wir sehr begrüßen.

Ein wichtiges Augenmerk muss fortlaufend auf die Fachkräftegewinnung gelegt werden, da eine Belegung nur in Abhängigkeit mit dem Personalschlüssel erfolgen kann. Mit Flyern, Stellenanzeigen, Tag der offene Tür, Präsenz auf Messen und Employer-Branding-Kampagnen konnten viele neue Mitarbeitende gewonnen werden. In den ersten neun Monaten hatten wir eine Übergangsfrist vereinbart, in der die 100prozentige Fachkraftquote noch nicht erfüllt werden musste. Dadurch hatten wir die Zeit, bisheriges Personal ohne Fachkraftausbildung in einem anderen Pflegebereich eine passende Stelle anzubieten und parallel neue Fachkräfte zu gewinnen. Zum Stichtag 1. Januar 2020 haben wir dann unsere 100-Prozent-Quote termingerecht erfüllen können. Parallel dazu liefen schon die Weiterbildungen in AKIP an.

Zum fortbilden verpflichtet

Ein wichtiger Baustein des neuen Versorgungsvertrags ist die Fortbildungsverpflichtung. Ziel der Fortbildungen ist die Qualitätssicherung der Leistungserbringer der häuslichen Krankenpflege. Dreiviertel der Fachkräfte haben bereits die Weiterbildungsmaßnahme „Außerklinische Intensivpflege“ mit 120 Stunden absolviert, einige bereits die große Weiterbildung mit 200 Stunden. Zusätzlich erhalten die Mitarbeitenden Fortbildungen zu
folgenden Themen: Pflege des Tracheostomas und Kanülenwechsel, Sekretmanagement, Beatmungsgeräte und Therapieformen, aktuelle Hygienevorschriften und Erste-Hilfe-Maßnahmen. So sind hohe fachliche Kompetenz und Versorgungssicherheit gewährleistet.

Der besondere Versorgungsvertrag für außerklinische Intensivpflege ermöglicht der Einrichtung eine hundertprozentige Fachkraftquote und den schon genannten sehr hohen Personalschlüssel von 1:0,74. Das bedeutet mehr Mitarbeitende und somit mehr Zeit für individuelle und intensive Pflege. Durch die dauerhafte und ausschließliche Präsenz von Fachkräften können Aufgaben mit mehr zeitlicher Flexibilität erledigt werden. Wo früher die Physiotherapeuten bei der Lagerung und beim Transfer der Bewohnerinnen und Bewohner unterstützten, übernehmen dies dank Zusatzqualifikationen und mehr Personal heute ausschließlich die Mitarbeitenden der Pflege. Die enge Zusammenarbeit mit den Therapeuten bleibt zwar bestehen, diese haben aber nun den zeitlichen Spielraum, ihre Therapien individuell an die Bedürfnisse jedes Bewohners und jeder Bewohnerin anzupassen.

Der Aufenthaltsraum der Jungen Intensivpflege in Besigheim.

„Man darf sich die Zeit nehmen, die man benötigt“

Der neue Versorgungsvertrag hat auch Auswirkungen auf die Bewohnerstruktur. Es gibt nun Bewohnerinnen und Bewohner, die wacher und mobiler sind, deshalb findet mehr direkte, verbale Kommunikation statt. Manche Bewohnerinnen und Bewohner sind wach und können eine Klingel betätigen, was auch für die Mitarbeitenden eine Neuerung war. Auch die Arbeit der Betreuungskräfte hat sich verändert und die Angebote werden noch stärker individuell angepasst. So ist es nun möglich, gemeinsam vielfältigere Sitz- und Lagerungsmöglichkeiten auszuprobieren. Mal im Sitzbett oder im stabilen Sitzsack, aber auch direkt auf dem Boden zur Förderung der Körperwahrnehmung. Massagen können in einer anderen Position mit Hilfe des Deckenlifters am Bettrand ermöglicht werden. Auch die Entspannung im Klangtunnel wird durch den großen Mobilationsradius erleichtert.

Und die Vorteile sind den Mitarbeitenden sehr bewusst: „Pflege kann hier so stattfinden wie man es in der Ausbildung gelernt hat“, sagt einer der Mitarbeiter, „man darf sich die Zeit nehmen, die man benötigt, und es besteht eine engere und bessere Zusammenarbeit mit den Angehörigen“. Typisch für die Junge Intensivpflege ist, dass man über alle Bereiche intensiv zusammenarbeitet. So sind die Kolleginnen und Kollegen aus Pflege und Alltagsbegleitung laufend im Austausch mit den Therapeuten. Modernen Deckenlifter, die in jedem Zimmer eingebaut sind, unterstützen die Arbeitsabläufe und das spezielle Mobiliar bietet ausreichend Platz für alle Geräte und Utensilien. Auch das große Bad erleichtert die Pflege und bietet mehr Raum für basale Stimulationen. Ein besonderes Erlebnis ist das Therapiebad. Eine Wellnessbadewanne mit Sound und Lichteffekten, Entspannung pur. Hier können die Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch die begleitenden Angehörigen, so richtig entspannen und abschalten.

„Glücksmoment“ und „Augenblick“

Teil des Wohn- und Betreuungskonzepts ist, dass die Junge Intensivpflege als Platz der Begegnung wahrgenommen wird. Deshalb wurde großen Wert auf die farbliche und künstlerische Gestaltung der Räumlichkeiten gelegt. Die Namen der beiden Wohnbereiche „Glücksmoment“ und „Augenblick“ sind im Austausch mit den Mitarbeitenden entstanden. Sie bringen sich auch immer wieder aktiv bei der Gestaltung der Räumlichkeiten ein.
Das gilt auch für die zahlreichen Therapeuten, die täglich in der Jungen Intensivpflege mitarbeiten, etwa Physio-, Musiktherapeuten oder Logopäden. Auch sie schätzen die Räumlichkeiten, weil durch die Einzelzimmer ein ruhiges, und konzentriertes Arbeiten ermöglicht wird. Vor allem im Sommer genießen alle die bewohnergerechte Terrasse. Große Schiebetüren ermöglichen auch im Bett auf die Terrasse geschoben zu werden und so an
der Gemeinschaft teilzuhaben.

Die Junge Intensivpflege hat nicht nur hohe medizinische und pflegerische Standards, sondern will auch Heimat für ihre Bewohnerinnen und Bewohner sein: Ein Ort, an dem jeder Augenblick und Glücksmoment im Alltag zählt.


Autorin: Elke Eckert ist Hausdirektorin des Robert-Breuning-Stifts in Besigheim, zu dem auch die Junge Intensivpflege gehört. Beide Einrichtungen gehören zur Evangelischen Heimstiftung in Stuttgart.

www.ev-heimstiftung.de

Fotos: EHS