Im Gegensatz zur Behandlung im früheren Krankheitsstadien, erfolgt die Behandlung der Dyspnoe in der Versorgung eines Sterbenden „nur“ symptomlindernd (palliativ) und damit meist ohne Aussicht auf eine dauerhafte Besserung.

Dyspnoe am Lebensende

Dyspnoe ist „eine subjektive Erfahrung einer unangenehmen Atmung, die in ihrer Ausprägung schwanken kann. Die Erfahrung wird von einem komplexen Zusammenspiel physischer, psychischer, sozialer und umweltbedingter Faktoren beeinflusst und kann sekundäre physiologische und verhaltensbezogene Reaktionen auslösen“ (Parshall, 2012). Daher ist in der palliativen Versorgung die objektive Ausprägung der Atemnot nicht relevant. Wie auch bei anderen Symptomen, ist die subjektive Belastung des Betroffenen das ausschlaggebende Kriterium, eine Behandlung zu beginnen, zu intensivieren oder zu beenden.

Wie auch in der Schmerztherapie liegt eine Dyspnoe immer dann vor, wenn ein Betroffener sie selbst wahrnimmt.

Psychische Belastungen durch Atemnot

Atemnot ist, neben Schmerzen, Schwäche und Beschwerden des Magen-Darm-Trakts, eines der häufigsten Symptome am Lebensende und gilt als das Symptom mit dem höchsten Grad an Belastung für den Betroffenen. Atemnot führt zu (Todes-) Angst, die wiederum die Atemnot verstärkt. Da die Dyspnoe oft schnell und massiv auftritt, entsteht so ein „Teufelskreis“ (circulus vitiosus). (Leitlinienprogramm Onkologie der Arbeitsgemeinscha, 2020, S. 137)

In der Palliativversorgung ist die medikamentöse Behandlung der Dyspnoe, meist mit Benzodiazepinen und Opioiden, Basis einer guten Symptomkontrolle und meist unumgehbar. Benzodiazepine und Opioide verursachen aber oft Ängste bei den Betroffenen: Sie würden abhängig machen, Opioide gar zu Atemstillstand führen. Prinzipiell sind diese Aussagen richtig, die Nebenwirkungen jedoch durch Anpassung der Dosis und Beobachtung des Betroffenen durch Fachkräfte vermeidbar. Ein hohes Einfühlungsvermögen und Wissen über die nötigen Medikamente und Maßnahmen und ihre Nebenwirkungen ist deshalb wichtig.

Medikamentöse palliative Behandlung der Atemnot

Benzodiazepine

Durch die Gabe von Benzodiazepinen wird Angst gelindert (Anxiolyse) und eine generelle Entspannung ausgelöst, die auch häufig zu Schläfrigkeit führt. Da die Dyspnoe oft innerhalb kürzester Zeit massiv auftritt, ist die Gabe von schnellwirksamem Lorazepam (Tavor® expidet®) über die Mundschleimhaut die häufigste und einfachste Art, starke psychische Belastungen und den entstehenden Kreislauf aus Dyspnoe und Angst zu durchbrechen.

Benzodiazepine unterscheiden sich hinsichtlich ihrer schlaffördernden und anxiolytischen Wirkung, wirken aber generell ähnlich. Gerade Midazolam (Dormicum®) bekämpft Ängste ähnlich stark wie Lorazepam. Schnellwirksame Zubereitungen sind hier jedoch kaum verfügbar. Neben Injektionen lassen sich Midazolamampullen mit Hilfsmitteln oder als Rezepturarzneimittel über die Schleimhaut in Mund oder Nase applizieren.

Opioide

Obwohl Opioide „atemdepressiv“ wirken, also den Atemantrieb verringern, werden sie gegen Atemnot am Lebensende als Standardmedikament eingesetzt. Da durch Gewebe, dass bei Erkrankungen massiv geschädigt ist, kein Gasaustausch stattfinden kann, wird der Atemantrieb zentral herunterreguliert und der „Hunger des Körpers nach Luft“ wird nicht mehr als belastend wahrgenommen. Die Atmung entspannt sich und der Kreislauf aus Luftnot und Angst vor Luftnot wird durchbrochen.

Wie bei den Benzodiazepinen, ist auch hier eine möglichst einfache und schnellwirksame Gabe sinnvoll. Injizierbare Opioide sind verfügbar, einfacher und noch schneller wirksam sind aber beispielsweise Fentanylnasensprays (PecFent®, Instanyl®, Rezepturarzneien), aber auch Buccaltabletten (Abstral®, Effentora®) oder Lollies (Actiq®), die über die Schleimhaut aufgenommen werden.

Weitere Bedeutung kommt den Opioiden als Standardmedikamente gegen Hustenreiz (Antitussivua) zu. Geläufige „Hustentropfen“, wie Codein oder Dihydrocodein (Paracodin®), sind Opioide, die in höherer Dosierung auch als Schmerzmittel oder gegen Luftnot eingesetzt werden. Andere Opioide, wie Morphin (MST®, Sevredol®, Capros®) oder Fentanyl, besitzen ebenso eine antitussive Wirkung.

Sauerstoffgabe

Zu beachten ist, dass Pulsoxymeter unter der Behandlung mit Benzodiazepinen oder Opioiden eine nahezu unverändert schlechte Sauerstoffsättigung anzeigen. Durch diese Medikamente wird nicht mehr Sauerstoff als zuvor aufgenommen, was durch das geschädigte Gewebe ohnehin meist nicht möglich wäre. Trotzdem wird häufig nach zusätzlicher Gabe über eine Nasenbrille oder Maske gefragt.

Deshalb ist die psychische Komponente einer Sauerstoffgabe nicht zu unterschätzen. Versuchsweise können hier weit geöffnete Fenster und Türen („Durchzug“), Taschenventilatoren oder Sauerstoffkonzentratoren mit niedriger Laufrate (> 2l/min) das Gefühl einer besseren Belüftung geben.


Autor Nils Wommelsdorf ist Krankenpfleger, Fachkraft Palliative Care, Pain Nurse (Plus) mit Auszeichnung (DGSS) und staatlich anerkannter Praxisanleiter im Goldbach PalliativPflegeTeam, Hamburg

Er arbeitet als freiberuflicher Dozent und Fachautor im ganzen Bundesgebiet und veröffentlicht Videos, Apps, Grafiken u.a. auf www.nilswommelsdorf.de.

Kontakt: nils@nilswommelsdorf.de

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