Merkt man mir an, dass ich gestresst bin?

Stress ist momentan allgegenwärtig, die einen erleben die Arbeit im Homeoffice stressig, ihnen fehlen die sozialen Kontakte. Die anderen sind gestresst, denn sie arbeiten seit Wochen auf Anschlag und sind völlig an ihren Grenzen.

Auch ich bin mit dem plötzlichen Lockdown in einen massiven Stress geraten, begleitet von einem Wechselbad der Gefühle. Das äußerte sich zunächst in Ohnmacht und Starre, dann kam der blinde Aktionismus (ich muss dabei sein, sonst verliere ich den Anschluss), gefolgt vom Tal der Tränen. Ich habe dann angefangen, mich langsam zu sortieren, mir Sport, Pausen und Entspannung zu gönnen und habe mein Tun wieder an meinen Zielen ausgerichtet. Anhaltender Stress (negativer Stress Diss Stress) wirkt sich auf unser Verhalten aus und verändert unsere Außenwirkung. Oftmals merken wir das zunächst nicht oder verleugnen es, „ich doch nicht“! Erst mit der einen oder anderen kritische Rückmeldung von Kollegen, oder auch vermehrten Konflikten in unserem beruflichen/privaten Umfeld, kommen wir vielleicht zum Nachdenken.

Stress wirkt sich auf unseren Körper, unseren Geist, unsere Gefühle und unser Verhalten aus und je nachdem wie stark diese Symptome sind, lohnt es sich genauer hin zu schauen. Es gibt zahlreiche Studien zu dem Thema und ich möchte ein paar  typische Verhaltensweisen und Symptome aufzeigen und lade Sie auf eine kleine Reflexionsarbeit ein:

  • Meine Stimme und Wortwahl haben sich verändert, ich gebe in letzter Zeit vermehrt kurze knappe Antworten, bin fordernder mit meiner Stimme und benutze vermehrt emotionale Wörter (z.B. genervt, verärgert, empört, sauer, wütend)
  • Meine tägliche Arbeit empfinde ich als sehr herausfordernd und schiebe vermehrt unerwünschte Themen auf die Seite, was im Endeffekt zu noch mehr Stress führt.
  • Ich bin dünnhäutiger geworden und reagiere überzogen emotional auf kleinste Kritik und kleinste Störungen, bereits Bagatellen bringen mich aus der Fassung.
  • Die Aktivitäten die ich gerne mache und mir eigentlich gut tun, wie z.B. Sport, Freunde treffen, ein gutes Buch lesen reduziere ich immer mehr und empfinde sie sogar als zusätzliche Last.
  • Ich arbeite verzweifelt noch schneller um mein Pensum zu schaffen, mir Freiräume zu schaffen und dann kann ich nicht mal entspannen sondern denke nur daran was alles noch zu tun ist ….

Nicht erschrecken, wenn Sie bei dem einen oder anderen Punkt innerlich genickt haben – ich kenne das zu gut. Machen Sie Bilanz und schreiben Sie auf: Wie zufrieden bin ich momentan auf einer Skala zwischen 1 und 10 (1 = nicht zufrieden und 10 = sehr zufrieden) wenn ich folgende Themen mir genau anschaue: Arbeitspensum, Leistungsdruck, Konflikte im Umfeld, Kollegen, berufliche Entwicklung und Ziele, die eigenen Werte leben, Gesundheit/Fitness, Zeit für mich, Finanzen, Partnerschaft, Familie … Dort, wo Sie große Unzufriedenheit feststellen und wahrscheinlich sofort körperliche Reaktionen
verspüren, (zum Beispiel eine kurze Atmung, Druck auf der Brust, Angst, Traurigkeit, Ärger …) lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Und da kann ich noch so laut jammern und anderen die Schuld geben, den ersten Schritt muss ich selbst tun, meine eigene schwierige Situation erkennen, sie annehmen und mich bewusst auf die Reise begeben.

Schauen Sie auf Ihre Zufriedenheitsskala und auf die Punkte mit der größten Unzufriedenheit. Beantworten Sie für sich folgende Fragen (Momentaufnahme). Auf einer Skala zwischen 1 und 10 (1 gering / 10 sehr hoch):

  • Wie selbstsicher trete ich auf?
  • Wie sehr glaube ich an mein eigenen Fähigkeiten?
  • Wie stolz bin ich auf das was ich geschaffen haben?
  • Wie gut kann ich Nein sagen?
  • Wie viel Entspannung, Pausen und Ruhe gönne ich mir?
    Wie organisiert bin ich?
  • Wie konsequent verfolge ich meine Ziele?
  • Meine wöchentlichen sportlichen Aktivitäten sind …
  • Veränderung passiert nur außerhalb der eigenen Komfortzone: wie sehr bin ich bereit,
    meine Komfortzone zu verlassen?

Notieren Sie sich die Antworten zu folgenden Fragen:

  • Welche Erwartungen habe ich an mich selbst?
  • Welche Erwartungen hat mein Umfeld an mich?
  • Sind mir die Erwartungen an mich bekannt?
  • Was ist angemessen und was ist nicht angemessen?
  • Erkennen ich Konflikte?

Wie rede ich mit mir selbst
„Das war nicht gut genug“, „Ich musst mich beeilen“, „ich muss Rücksicht auf die anderen nehmen“, „wie schön das XY kann, ich bin nicht gut genug“ …

Mein Tipp an Sie: Schreiben Sie diese Glaubenssätze auf und wandeln Sie diese in Erlaubnissätze um und sagen Sie sich diese immer wieder auf, wenn der eigene Kritiker im Kopf zu laut wird. „Ich kann das richtig gut“, „jetzt genieße ich meine Pause“, „ich schaue auf mich und was ich brauche“, „ja, XY macht das gut und ich kann andere Sachen sehr gut“. Wenn Sie Ihre Antworten, Gedanken, Gefühle reflektieren, was wird Ihnen bewusst? Woran möchten Sie arbeiten, was sind Ihre konkreten nächsten Schritte und wer kann Ihnen dabei behilflich sein? Nehmen Sie es selbst in die Hand, bevor es andere für Sie tun. Auch ein vertrauliches Gespräch mit dem Vorgesetzten oder der Personalabteilung ist hilfreich und gibt die Chance, gemeinsam an unterstützenden Maßnahmen zu arbeiten.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrem Weg, seien Sie mutig, probieren Sie aus, belohnen Sie sich auch bei kleinen Erfolgen, es lohnt sich.

Ihre Doris Marx-Ruhland

Die Möglichkeiten sind zahlreich, wenn wir uns entscheiden, zu agieren, statt zu reagieren.
Georg Bernard Shaw

Autorin: Doris Marx-Ruhland ist Geschäftsführerin der Team Marx-Ruhland GmbH. Sie und ihr Trainerteam begleiten seit über 15 Jahren Unternehmen und Menschen auf ihrem Entwicklungsweg. Ihre Leidenschaft ist die Arbeit mit Menschen und die nachhaltige Entwicklung von Teams und Führungskräften. Sie holen Menschen bei ihren Überzeugungen ab, bringen Bewegung in ihre Ansichten, spiegeln Verhalten und schaffen damit Verbundenheit und Zuversicht. Dabei sind sie loyal, humorvoll und bodenständig.
www.marx-ruhland.de

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