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Die kapilläre Blutgasanalyse

Auf Intensivstationen ist die Blutgasanalyse (BGA) nicht mehr wegzudenken, in der außerklinischen Intensivpflege hält das Verfahren allerdings nur langsam Einzug.
Dabei bietet diese Diagnostik, neben dem subjektiven Empfinden des Patienten hinsichtlich seiner Atmung, die höchste Aussagekraft über die Effektivität einer Beatmung.

Gründe für eine Blutgasanalyse

Die Entnahme einer Blutgasanalyse muss zielführend und begründet sein. Routinemäßige Kontrollen bei chronisch kranken Menschen machen durchaus Sinn, da ihre Erkrankung voranschreitet. Ein monatliches Messen bis hin zum halbjährlichen Intervall kann angebracht sein. Zudem kann bei Luftnot oder allgemeiner Verschlechterung eine Analyse durchgeführt werden.

Ziele der Blutgasanalyse

Allgemeine Ziele dieser Diagnostik sind

  • Kontrolle der eingestellten Beatmung
  • Kerntherapie überwachen/steuern
  • Sicherheitsverlangen des Personals/Patient
  • Absicherung eines Entwöhnungsprozesses

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Quelle: Norbert Papendell

Messparameter der Blutgasanalyse

Konkretes Ziel der Messung sind sowohl die respiratorischen Komponenten als auch der metabolische Status. Hier finden, gerade bei chronisch kranken Patienten, überlebenswichtige Wechselwirkungen statt.

Folgende Messparameter sind hier direkt mit der Beatmung in Verbindung zu bringen:

  • pH-Wert: Dies ist das Maß für den sauren oder basischen Charakter einer Lösung und damit des Säure-Basen-Haushalts im Körper
    Norm-Wert: 7,35 bis 7,45
  • pCO2-Wert: Der Kohlendioxid-Partialdruck lässt am allerbesten Rückschlüsse auf die Beatmung zu. Änderungen der Beatmungseinstellungen haben direkten Einfluss.
    Normwert: 35 – 45 mmHg
  • pO2: Der Sauerstoffpartialdruck ist die ausschlaggebend für die Sauerstoffsättigung. Die Höhe des pO2 hat direkten Einfluss auf die Höhe des SpO2.
    Normwert: >70 mmHg
  • SaO2: Die arterielle Sauerstoffsättigung bestimmt die Menge an Sauerstoff, die im Blutkreislauf zirkuliert. Sie ist für die Oxygenierung mit dem Bluteisenwert der wichtigste Parameter.
    Normwert: 94 – 97%
  • HCO³-: Das Standardbikarbonat ist die Menge an Bikarbonat, also gebundene Kohlensäure, im Blut und ist einer der wichtigsten Teile des Puffersystems im Blut
    Normwert: 22 – 26 mmol/l
  • BE: Der Base Excess oder aber Basen-Überschuss genannt ist der rechnerische Wert an Basen, der fehlt oder zuviel ist, um den pH-Wert im Normwert zu halten
    Normwert: -3 – +3

Des weiteren sind auch Laborwerte wie z.B. Kalium, Natrium, Glucose und auch Kreatinin messbar.

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Wie nimmt man eine Blutgasanalyse vor?

Zur Entnahme von Blut sind im Haushalt zwei Möglichkeiten denkbar. Die erste Möglichkeit ist die arterielle Punktion durch den zuständigen Haus-/Facharzt, der die Möglichkeit hat, das Verfahren in seiner Praxis/Klinik oder im Labor durchzuführen.

Da diese Methode für Arzt, Pflegedienst und Patient sehr aufwändig, zeitintensiv und risikoreich sein kann, wird sie allerdings generell nicht angewandt.

Die kapilläre Blutentnahme hingegen ist dank moderner Point-Of-Care (patientennaher) Systeme auch für Pflegekräfte im Haushalt möglich.

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Quelle: Norbert Papendell

Zur Durchführung der kapillären Blutgasanalyse werden nur wenige Materialien benötigt:

  • Durchblutungsfördernde Salbe (z.B. Finalgon©)
  • keimarme Einmalhandschuhe
  • sterile Tupfer
  • Hautdesinfektionsmittel
  • Halbautomatische Einmal-Lanzetten
  • Probengefäß (Kapillare)
  • Abwurf
  • Pflaster
  • Blutgasanalyse-Gerät inkl. Zubehör (z. B. Testkarten)

Zunächst bereitet man die eine geeignete Punktionsstelle (Ohrläppchen, Fingerbeere oder bei Kindern auch die Ferse) mittels einer durchblutungsfördernden Salbe vor. Die Salbe erhöht den arterialisierten Anteil im Kapillarblut, also den mit Sauerstoff angereicherten Anteil des Blutes. Die Probengewinnung wird durch die erhöhte Durchblutung vereinfacht.

Nach der hygienischen Händedesinfektion wird auch auch die Punktionsstelle desinfiziert.

Dann kann die passende Einmal-Lanzette mit einem kurzen Stich, der kaum zu spüren ist, einen Blutstropfen freisetzen.

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Quelle: Norbert Papendell

Die Kapillare befüllt sich in senkrechter Lage von selbst, sofern der Blutstropfen groß genug ist. Durch kontinuierliches „Melken“ wird genug Blut gesammelt, um es analysieren zu können. Bei der kapillären Blutentnahme ist darauf zu achten, dass man nicht zu stark drückt, da ansonsten Erythrozyten zum Platzen gebracht werden und die Probe, gerade in Hinblick auf den Kalium-Wert, falsche Werte misst.
Die Eingabe am jeweiligen Endgerät ist unterschiedlich, die Ergebnisse erhält man aber in der Regel unmittelbar nach dem Test.
Anschließend erfolgt die sichere und fachgerechte Entsorgung der Materialien.

Analyse & Interpretation

Die BGA gibt Hinweise zur Effektivität der Beatmung. Damit kann unmittelbar Besserung für ein sonst eher unklares Gefühl der Luftnot geschaffen und die Atmung verbessert werden.

Wesentlich sind hierbei:

  1. Die respiratorische Azidose: eine Übersäuerung des Blutes auf Grund von zu hohen pCO2-Werten nennt man Azidose. Dies hat eine Verschiebung des pH-Wertes <7,35 zur Folge. Häufigste Ursache ist die Hypoventilation (Minderbelüftung)
  2. Die respiratorische Alkalose: Zu niedrige pCO2-Werte verschieben den pH-Wert >7,45, Ursache ist eine Hyperventilation (Mehrbelüftung)
  3. Die Oxygenierung: Die arterielle Sauerstoffsättigung ist wesentlich genauer als die periphere Messung. Es sind SaO2Werte 90% anzustreben.

Sowohl die respiratorische Alkalose als auch die respiratorische Azidose können durch den Körper kompensiert werden. Dazu häuft er Standardbikarbonat (HCO³-) an oder scheidet es vermehrt aus.

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Quelle: Norbert Papendell

Gerade Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) häufen – parallel zum pCO2 – Anstieg – auch Standardbikarbonat an. Das Kohlenstoffdioxid („flüchtige Säure“) lässt den pH azidotisch werden, das Bikarbonat lässt ihn alkalisch werden. Somit hält sich der pH neutral.

Beispiele der Anwendung einer BGA

Beispiel 1

Patienten-ID: 2
Datum & Uhrzeit: 12.04.18 16:21:08

Ergebnisse: Gase+

pH 7,420
pCO2 41,3 mmHg
pO2 71,0 mmHg Niedrig
cHCO3- 26,8 mmol/L
BE(ecf) 2,4 mmol/L
cSO2 94,3 %

Alle Parameter befinden sich im Normbereich, auch wenn der Sauerstoffpartialdruck eher niedrig ist. Es handelt sich um einen Patienten mit Trachealkanüle bei apallischen Syndrom, die Sauerstoff-Langzeit-Therapie (LTOT) ist mit zwei Litern Sauerstoff pro Minute verordnet.

Beispiel 2:

Patienten-ID: 1
Datum & Uhrzeit: 12.04.18 15:38:18

Ergebnisse: Gase+

pH 7,334 Niedrig
pCO2 20,1 mmHg Niedrig
pO2 99,1 mmHg
cHCO3- 10,7 mmol/L Niedrig
BE(ecf) -15,1 mmol/L Niedrig
cSO2 97,5 %

Hochkomplexe Blutgasanalyse eines beatmeten Patienten, der sich im Verlauf immer wieder ohne fassbaren Grund klinisch verschlechterte. Die BGA zeigt eine „respiratorisch teilkompensierte metabolische Azidose“, eine häufige Störung im Säure-Basen-Haushalt.

Schlussfolgerung

Die BGA ist das beste Hilfsmittel, um Luftnot/Gasaustauschprobleme zu objektivieren. Neben einer Einweisung in die Geräte und geschulten Mitarbeitern, die BGAs interpretieren können, wird ein Arzt benötigt, der das Beatmungsgerät entsprechend anpasst. Alternativ kann der Arzt auch ein Handlungsschema zur Anpassung festsetzen. So kann den Patienten schnell und effizient geholfen werden, eine Therapie definiert sowie die Atmung wieder weitestmöglich normalisert werden.

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tom-christopher-alferlinkTom-Christopher Alferink ist zertifizierter Atmungstherapeut (DGP) am Florence Nightingale Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth. Auf dem Kongress für Außerklinische Intensivpflege und Beatmung (KAI) 2017 hat er einen Workshop über Kapilläre Abnahmetechniken der Blutgasanalyse – im Selbstversuch – gehalten. Auf dem KAI 2018 ist er auch zu sehen und zu hören! Hol dir jetzt noch ein Ticket, um am KAI 2018 teilzunehmen!