9. Juli 2021

Interview – Hilfsmittel sind die Grundlage für Inklusion

Sie ist Fachärztin und Mutter eines behinderten Sohnes: Carmen Lechleuthner aus dem oberbayerischen Pfaffenhofen kämpft darum, dass Menschen mit Behinderung einfacher zu Hilfsmitteln kommen, die ihnen verordnet wurden. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt sie, was sie dazu motiviert und warum das Gesundheitssystem aus ihrer Sicht nur Geld verliert, wenn es Hilfsmittel blockiert.

epd: Frau Lechleuthner, vor einigen Wochen haben Sie eine Petition mit über 55.000 Unterschriften in Berlin dem Petitionsausschuss übergeben. Darin fordern Sie unter anderem eine direkte Kostenübernahme verordneter Hilfsmittel und Medikamente durch die Krankenkassen. Warum haben Sie diese Petition ins Leben gerufen?

Lechleuthner: Ich bin selbst Fachärztin. Für mich war es eine völlig neue Erfahrung, dass Medikamente oder Hilfsmittel, die vom Facharzt für meinen Sohn verordnet werden, von einem Allgemeinmediziner oder einer anderen fachfremden Person des Medizinischen Dienstes meist nur nach Aktenlage geprüft und allzu oft einfach abgelehnt werden. Die Begründungen hierfür sind medizinisch sehr oft nicht nachvollziehbar.

Unser vierjähriger Sohn hat bereits 40 Gutachten des Medizinischen Dienstes. Beispielsweise braucht er Epilepsiemedikamente, die die Krankenkasse aber nur in Kapselform übernimmt. Da er keine Kapseln schlucken kann, muss er diese über die Magensonde in Pulverform einnehmen. Doch das Pulver, das aus Österreich kommt, wird nur nach langer Diskussion und Streiterei übernommen.

Außerdem kann Korbinian seinen Kopf nicht halten, weshalb ich für ihn einen speziellen Autositz beantragt habe, der abgelehnt wurde. Ich solle einen handelsüblichen Kindersitz nehmen, wurde mir zuerst gesagt. Doch das wäre absolut fahrlässig. Erst nachdem ich Widerspruch eingelegt hatte, erhielt ich den Sitz. Wir müssen um sehr viele Leistungen monatelang streiten und sie teilweise mit anwaltlicher Hilfe erkämpfen.

epd: Geht es auch anderen so?

Lechleuthner: Ja, wie mir geht es vielen: 14.000 Unterzeichner der Petition haben angegeben, selbst betroffen zu sein. Eine Mutter hat mich angerufen und erzählt, dass sogar der Blindenstock ihres blinden Kindes nicht von der Kasse genehmigt wurde.

Ein ambulantes Kinderhospiz in München berichtete, dass in manchen Fällen Hilfsmittel erst genehmigt werden, wenn das Kind bereits gestorben ist. Es gibt einzelne Kassen, wo es besser funktioniert, aber das liegt meist an einzelnen Mitarbeitenden in der Kasse, die sich des Falls annehmen.

epd: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass es oft so schwer ist, zu Hilfsmitteln zu kommen?

Lechleuthner: Ein Grund könnte sein, dass die Krankenkassen miteinander in Konkurrenz stehen. Im stationären Bereich kann wenig Geld eingespart werden – im ambulanten dagegen schon. Wenn ein Kind aus einer Orthese rauswächst und die Kasse dann sechs Monate bis zur nächsten Bewilligung wartet, kann man eine Versorgung sparen, was aber langfristige Folgen für die Gesundheit des Kindes haben kann. Nur die Hälfte der Antragsteller legt Widerspruch ein, wenn ein Hilfsmittel abgelehnt wird – ebenfalls eine Möglichkeit, Geld einzusparen.
Doch insgesamt gesehen ist es nicht wirtschaftlich, wenn Ärzte des Medizinischen Dienstes und Sozialpädiatrische Zentren viel Zeit damit verbringen, Stellungnahmen zu formulieren oder abgelehnte Anträge zu begründen – und wenn einerseits Hilfsmittel abgelehnt werden, aber dann wieder Teilhabeberatungen bezahlt werden, um sie durchzusetzen. Dieses Geld sollte man besser direkt in Hilfsmittel investieren. Denn sie sind für mich die Grundlage für jede Form von Inklusion.


Interview: Judith Kubitschek für den Evangelischen Pressedienst

Bild: Adobe Stock/familie-eisenlohr.de

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