Fragt man Pflegefachpersonen, wie sie Pflegekunden und Angehörige in der außerklinischen Intensivpflege erleben, dann erhält man Antworten wie schwierig, hilflos, kritisch, fordernd, kontrollierend, unzufrieden, überfordert, aber auch dankbar, hilfsbereit oder motiviert. Diese Zuschreibungen werden oft mit Vehemenz gemacht und anhand von zahlreichen Beispielen begründet.

Es stellt sich aber die Frage, wie objektiv sind unsere Wahrnehmungen und unsere vermeintliche Realität wirklich ? Gibt es überhaupt eine Objektivität?

Konstruktivistisches Denken als Grundlage des menschlichen Miteinanders

Der Konstruktivismus ist eine Denkrichtung, die seit dem 20. Jahrhundert der Frage nachgeht, wie Vorstellungen von der Wirklichkeit beim Menschen entstehen Die Sache mit der eigenen Wirklichkeit lässt sich auch so beschreiben: Jeder Mensch hat seine eigene „Brille“ auf, die nur einen ganz individuellen Blick auf Menschen, Handlungen von Menschen usw. zulässt. Diese Brille hat sich im Laufe des Lebens entwickelt. Zuerst durch die Erziehung unserer Eltern, durch die Kultur und Religion, in der wir aufgewachsen sind, durch Kindergarten, Schule, Freunde und Menschen, denen wir begegnet sind, durch positive und negative Lebensereignisse – diese persönliche Brille stellt einen Wahrnehmungsfilter dar, durch sie ist nur ein subjektiver Blick auf die Welt möglich. (vgl. 1) Oder noch einfacher formuliert: Alles was ein Mensch wahrnimmt, was er sagt und tut, ist seine eigene Konstruktion. „Es ist ein folgenschwerer Schritt, wenn man die Konzepte, die man sich konstruierte, mit der Wirklichkeit verwechselt.“ (2) Heinz von Foerster formuliert es noch deutlicher: „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung.“ (2)

Konstruktivistisches Denken als Basis in der außerklinischen Intensivpflege

Was hat das alles mit der außerklinischen Intensivpflege zu tun? Pflegefachpersonen müssen sich klarwerden, dass alles was sie über Pflegekunden und Familienangehörige denken und wie sie deren Verhalten beurteilen, immer durch eine individuelle eigene „(Pflege-)Brille“ gesehen ist. Das gilt insbesondere auch für Konflikte, in denen nicht selten beide Konfliktpartner ganz vehement darauf beharren, dass sie jeweils recht haben. Da wird die eigene subjektive Wahrnehmung als objektive Wirklichkeit angesehen. Der Schritt zu einer Lösung beginnt damit, anzuerkennen, dass der Andere durch seine „Brille“ gesehen genauso recht hat. Das heißt natürlich nicht, dass man den Anderen und sein Verhalten immer gut finden muss.

Konstruktivistisches Denken in die pflegerische Praxis umsetzen, unterschiedliche Sinngebungen erkennen

Menschen geben jeder Situation und jedem Erleben eine bestimmte Bedeutung, z.B. gut oder schlecht, bedrohlich, herausfordernd, motivierend. Damit erhält das Geschehene einen ganz individuellen Sinn. Das gilt natürlich auch für Pflegekunden und ihre Angehörigen. Sind verschiedene Menschen an einer Situation beteiligt, so ist die Sinngebung durchaus sehr unterschiedlich. Es ist entscheidend im Miteinander, die Bedeutung einer Situation für den Anderen zu erkennen, sich in seinen Bedeutungsrahmen zu begeben, seine Sichtweisen kennenzulernen, durch seine „Brille“ zu blicken. Es ist notwendig, sich an die „innere Landkarte“ des anderen anzuschließen. Dafür eignen sich Fragen: (vgl. 2)

  • Welche Bedeutung hat das für dich/Sie?
  • Was macht die Situation mit dir/Ihnen?
  • Wie stellen Sie sich eine gute Zusammenarbeit vor?
  • Welche Wichtigkeit hat das für Sie?
  • Was regt dich/Sie am allermeisten auf?
  • Was denkst du/denken Sie über die Entscheidung?
  • Welche Bedeutung hat das Gespräch für Sie?
  • Welche Erwartungen haben Sie gemacht?
  • Was genau ist das Problem? Wann ist/war es am schlimmsten?
  • Wie stark ist das Problem auf einer Skala von 1 – 10?
  • Was macht das Problem mit Ihnen? Wie geht es Ihnen damit?
  • Was sind Ihre schlimmsten Befürchtungen?
  • Wie sehen andere in der Familie das Problem?
  • Wie wirkt sich das Problem auf Sie/auf andere aus, in welcher Weise?

Diese und ähnliche Fragen geben dem Anderen das Gefühl, dass er mit seiner Meinung, seinen Sorgen oder Ängsten ernst genommen wird, dass sich der Andere für seine Sichtweisen interessiert. Außerdem liefern sie wertvolle Informationen. In typischen „Ping-Pong“-Konfliktgesprächen, in denen ein Argument oder Vorwurf dem anderen folgt, können Fragen das Gespräch verlangsamen, Achtsamkeit und Wertschätzung für den Anderen wird möglich.

Die eigene Brille kritisch hinterfragen

Eine weitere Strategie für ein besseres Miteinander mit Pflegekunden und Angehörigen oder mit Kollegen ist, die eigene „Brille“ kritisch zu hinterfragen. Bekannter ist die Forderung nach Selbstreflexion – eine Grundvoraussetzung für die persönliche Weiterentwicklung. Aber: Wenn sich jemand selbst reflektiert, dann tut er es mit seiner „Brille“, die nie einen objektiven Blick ermöglicht, d.h. es entstehen „blinde Flecke“. (vgl. 1)

Um die Selbstwahrnehmung zu verbessern, um blinde Flecke in Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmalen sichtbar werden zu lassen, brauchen Menschen Rückmeldungen von außen. Pflegefachpersonen in der außerklinischen Intensivpflege sollten regelmäßig bei Vorgesetzten, Kollegen, aber auch Pflegekunden und Angehörigen ein Feedback anfragen.

Zwei weitere Artikel zu Grundlagen der familienzentrierten Pflege finden Sie hier: Teil 1 – Stärken von Familien, Familien stärken, Teil 2 – Stärken von Familien, Familien stärken

Literatur:

  1. Schwing, R., Fryser, A.: Systemisches Handwerk, 7. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht 2015.
  2. von Schlippe, A., Schweitzer, J.: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung – Das Grundlagenwissen, 3. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht 2016.


Autorin: Christine Keller
M.A. Systemische Beratung, Krankenschwester und Lehrerin für Pflegeberufe, Heilpraktikerin (Psychotherapie) und Systemische Beraterin

www.christine-keller.com

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