Im Beitrag „Familienzentrierte Pflege: Objektiv bewerten“  hat Autorin Christine Keller erläutert, wie Pflegende es schaffen, die Familie der zu pflegenden Person neutral betrachten. Im neuen Artikel geht es nun um das Zusammenspiel von Familie und einem Angehörigen mit chronischer Krankheit oder einer Behinderung.

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„Chronische Krankheit spielt sich nie in einem luftleeren Raum ab, sondern ist immer eingebettet in vielfältige systemische Zusammenhänge“, so bringt Arist von Schlippe die Bedeutung der familienzentrierten Pflege auf einen Punkt. (1) Die Familie und ihr chronisch krankes oder behindertes Mitglied beeinflussen sich gegenseitig in vielfältiger Weise. Krankheit oder Behinderung hat immer Auswirkungen auf die ganze Familie, sie kann zum entscheidenden Bestandteil familiärer Interaktionen werden, das gesamte soziale Geschehen innerhalb der Familie beeinflussen. Sie wird nicht selten zum zentralen Thema, um das sich jede Kommunikation innerhalb der Familie dreht. (1)

Die Familie ist soziales Unterstützungssystem, in dem Pflege- und Behandlungsaufgaben übernommen werden. Sie teilt auch gemeinsame Überzeugungen über Familie, Krankheit und Gesundheit und über die Welt insgesamt. Und die Familie gibt dem Kranken ganz praktisch Fürsorge, Liebe und Unterstützung. „Die Einbeziehung bei der Krankenversorgung bedeutet für Familienangehörige in vielen Fällen die Möglichkeit, ein Gefühl von Kontrolle in einer von ihnen primär nicht kontrollierbaren Situation zurückzugewinnen.“ (2) Die Gefahr von Überforderung ist allerdings groß, besonders für die Familienmitglieder, die dem Kranken sehr nahe stehen. Alltagsprobleme und Meinungsverschiedenheiten, die in jeder Familie normal sind, können jetzt wie durch ein Vergrößerungsglas hervorgehoben werden, zu Schuld- und Defizitgefühlen werden und die Belastungen insgesamt noch ansteigen lassen.

Familienzentrierte Pflege

Die Pflege von chronisch Kranken macht eine „andere“ Pflege notwendig. Ganzheitlichkeit und Patientenorientierung alleine sind nicht ausreichend, denn sie haben typischerweise nur den Patienten im Fokus, die Mitbetroffenheit der Familienangehörigen wird selten gesehen.

Pflegefachpersonen in der außerklinischen Intensivpflege wie auch in anderen Langzeit-Pflegekontexten sind besonders nahe an den Familien, sind nicht neutrale Beobachter des Geschehens, vielmehr greifen sie in dieses „Gewebe von Interaktionen“ direkt mit ein. (1)

Der Begriff der Familienzentrierte Pflege ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Familienzentrierte Pflege ist in anderen Ländern sehr wohl ein Thema und hat sich in den letzten drei Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt. Die Veröffentlichung des Buches Nurses and Families – a Guide to Family Assessment and Intervention” von Lorraine M. Wright und Maureen Leahey 1984 in Kanada und Nordamerika ist sicher ein Meilenstein gewesen. Die deutsche Übersetzung „Familienzentrierte Pflege“ ist (erst) 2009 im Huber Verlag erschienen.

„Pflegende haben den Auftrag sowie die ethisch und moralische Verpflichtung, Familien in die Gesundheitsversorgung einzubeziehen. Erkenntnisse aus den Bereichen Theorie, Praxis und Forschung über den Einfluss der Familie auf Gesundheit, Wohlbefinden und Krankheit ihrer Mitglieder verpflichten Pflegende, familienzentrierte Pflege aus integralen Bestandteil der pflegerischen Praxis wahrzunehmen“. (3)

Grundannahmen der familienzentrierten Pflege

Anhand einzelner ausgewählter Aspekte wird der theoretische Bezug von chronisch Kranken und ihren Familien hergestellt: (3)

  • Das Familiensystem ist Teil größerer Systeme und setzt sich aus vielen Subsystemen zusammen. Pflegende erforschen in diesem Zusammenhang, wer zum Familiensystem gehört, welche Subsysteme es gibt und in welchen größeren Systemen die Familie eingebettet ist, z.B. Verwandtschaft, Nachbarschaft.
  • Die Familie als Ganzes ist größer als die Summe ihrer Teile. Pflegende wissen, dass die Beobachtung einzelner Familienmitglieder nicht das Gleiche ist wie die Beobachtung der Familie insgesamt, weil immer auch die Interaktionen zwischen den Familienmitgliedern eine Rolle für ein System spielen.
  • Die Veränderung eines Familienmitglieds beeinflusst alle anderen Familienmitglieder. Jedes Ereignis, jedes Verhalten eines Familienmitglieds hat immer auch Auswirkungen auf alle anderen, weil sich die Familienmitglieder nun nicht mehr in gewohnter Weise verhalten können, wenn einer aus der Familie ein abweichendes Verhalten zeigt.
  • Die Familie ist in der Lage eine Balance zwischen Veränderung und Stabilität zu schaffen. Jede Familie ist beständig in Veränderung, sodass Veränderung und Stabilität selbstverständlich nebeneinander existieren. Jede Veränderung ist der Anfang von einem neuen, anderen Gleichgewicht, von einer Neuorganisation innerhalb der Familie.
  • Zirkuläre Kausalität erklärt das Verhalten von Familienmitgliedern. In Familien, wie in jedem anderen System auch, herrschen wechselseitige Beziehungen. Das bedeutet, das Verhalten des kranken Familienmitglieds bewirkt Verhalten bei allen anderen, was wiederum das Verhalten des Kranken beeinflusst. Im Fazit bedeutet das auch, dass Pflegende nie ein Familienmitglied für die Probleme der ganzen Familie verantwortlich machen dürfen.
  • Familiensysteme haben die Fähigkeit zur Selbstregulation. In dieser Aussage findet sich die zentrale Annahme, dass jedes System über Ressourcen verfügt, die es zu Lösung seiner Probleme benötigt. Aufgabe von Pflegenden ist es, dem Kranken und seiner Familie bei der Nutzung von Ressourcen und der Lösungssuche zu unterstützen.
  • Veränderung ist abhängig von der Wahrnehmung des Problems. Die Beobachtung von bestimmten Situationen innerhalb der Familie wird von Pflegenden als „wahr“ betrachtet. Sie beachten nicht, dass es keine objektive Wirklichkeit gibt, jegliche Beobachtung immer durch die eigene „Brille“ geschieht. Oft werden Familien so Probleme zugesprochen, die die Familie selbst so gar nicht sieht. Zum anderen besteht die Gefahr, dass Pflegende Partei für die Wirklichkeit eines Familienmitglieds ergreifen und damit die wichtige Position von Allparteilichkeit und Neutralität verlassen.
  • Veränderung ist abhängig von der gemeinsamen Entwicklung der Behandlungs- bzw. Pflegeziele. Das setzt voraus, dass Kranker, Familie und Pflegende gemeinsame Ziele erarbeiten. Nur so kann es überhaupt gelingen, unangemessene und unrealistische Ziele auf beiden Seiten zu vermeiden. Pflegekunden und Angehörige beklagen oft, dass Pflegende ihre professionellen Ziele unbedingt durchsetzen wollen, ohne die Bedürfnisse und Ziele des Kranken und seiner Familie zu erfragen und zu berücksichtigen. Pflegende beklagen häufig, dass v.a. Angehörige unrealistische Erwartungen an den Heilungs- und Rehabilitationsprozess haben, Maßnahmen fordern, die den Kranken offensichtlich überfordern.

Literatur:

  1. Schlippe, A. von: Chronische Krankheit im Kontext sozialer Systeme. In: systema 17 (1/2003).
  2. Kröger, F., Altmeyer, S., Hendrischke, A.: Systemische Familienmedizin. In: Kontext (33, 4), 2002.
  3. Wright, L.M., Leahey, M., Börger, H.(Übersetzerin): Familienzentrierte Pflege, 2. Auflage. Bern, Huber Verlag 2013.

Autorin: Christine Keller
M.A. Systemische Beratung, Krankenschwester und Lehrerin für Pflegeberufe, Heilpraktikerin (Psychotherapie) und Systemische Beraterin

www.christine-keller.com

Aufmacherfoto: Adobe Stock/Rick H. Sanders