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Ziele der außerklinischen Beatmung. Interview mit Sven Jantzen

Sven Jantzen, Fachkoordinator für pneumologische Langzeitrehabilitation, Atmungstherapeut (DGP) und Pflegeexperte in der ZBI-Gruppe (Zentrum für Beatmung und Intensivpflege), hat auf dem KAI 2016 einen Vortrag über die außerklinische Beatmung gehalten. Wir haben ihn dazu noch einmal befragt.

Was ist das Ziel der außerklinischen Beatmung?

Prinzipiell haben wir in der außerklinischen Intensivpflege zwei Kernaufträge: Das Umsetzen des Wunsches nach Lebensverlängerung bei chronischen Erkrankungen und natürlich Teilhabe am Leben. Zusammen mit allen Partnern des Versorgungsprozesses versuchen wir, die individuell empfundene Lebensqualität so hoch zu schrauben, wie es nur geht. Unter diesem Zeichen steht ja auch der KAI 2016.

Was muss man an Beatmung beachten, um Teilhabe fördern zu können?

Menschen mit Beatmung sind extrem technologieabhängig. Es ist auch Aufgabe der Pflegenden, eine Situation zu schaffen, die Mobilität und somit auch die Teilhabe gewährleistet. Da sind viele Fragen zu stellen, für die wir individuelle Antworten finden müssen: Wie pflege ich Patienten? Welche Förderkonzepte können Anwendung finden? Wie bekomme ich den Patienten in eine Arztpraxis oder eine fachärztliche Versorgung? Aber natürlich auch: Wie bekomme ich ihn zum Hertha-Spiel ins Olympiastadion?

Wie können sich klinische und außerklinische Intensivpflege gegenseitig helfen?

Das ist ein Problem, mit dem wir uns schon seit Jahren konfrontiert sehen. Wir haben in Deutschland Sektorengrenzen und arbeiten kontinuierlich daran, diese Sektorengrenzen aufzuweichen. Wir müssen es schaffen, dass die klinische und außerklinische Betreuung Hand in Hand arbeiten können.

Dafür fehlen z.B. aber auch leistungsrechtliche und zivilrechtliche gesetzliche Grundlagen. Das macht es den Partnern im alltäglichen Leben durchaus schwer.
Ebenso gibt es viele Patienten, die im Rahmen des sogenannten Drehtüreneffekts zwischen außerklinischer Versorgung und klinischer Akutversorgung regelrecht pendeln. Drehtüreneffekt, das heißt, dass der Patient kurz nach Aufnahme in ein außerklinisches Setting durch ein akutes Trauma (pulmonale Infektion oder ähnliches) wieder zurück in die Klinik muss. Das kann durch hoch qualifizierte außerklinische Versorgungsstrukturen und die weitere Vernetzung mit den klinischen Partnern deutlich vermindert werden. Im Namen unserer Patienten sind wir alle gefragt, daran noch weiter zu arbeiten.

Gerade hört es sich ja so an, als müsste man einfach nur Probleme zwischen dem Übergang beseitigen. Gibt es auch mögliche Synergien?

Natürlich. Die Klinikbetten sind voll, wir haben viele Patienten, die im Rahmen der Akut- und Intensivmedizin ihr Trauma überleben und dann mit außerklinischer Beatmung entlassen werden. Und wenn die Patienten außerklinisch gut versorgt sind, kommen sie seltener ungeplant als erneuter Akutfall in die Kliniken.

Wichtig ist hier auch die kommunikative Vernetzung. Ein Reporting kann hier als Schnittstelle zur weiteren patientenorientierten Planung sinnvoll sein. So sollte von den außerklinischen Versorgern angemeldet werden, wenn der Bedarf besteht, dass der Patient nochmals klinisch evaluiert werden muss.

Ziel muss es sein, dass beide Versorgungswege miteinander gehen und nicht nebeneinander herlaufen.

Außerklinisches Weaning – was sind die Bedingungen?

Mir ist diese Debatte um das außerklinische Weaning immer viel zu engmaschig auf die Beatmung angesetzt. Wir müssen den Patienten viel ganzheitlicher sehen.
Wenn man ein gutes Konzept hat, das den Patienten in seiner Gesamtform verbessert: Kardial, in seiner Mobilität, psychisch usw., dann ist es häufig so, dass der Patient auch hinsichtlich seiner Atmung wieder Kompetenzen hinzugewinnt. Und darüber freuen wir uns natürlich!

Es wäre doch einfach falsch, wenn man diese Kompetenzen des Patienten nicht nutzen würde. Das muss natürlich, und das möchte ich ganz klar sagen, unter ärztlicher Leitung erfolgen. Wir müssen die knappen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, bewusst einsetzen. Mir ist aber wichtig, dass man den Patienten im Ganzen sieht und nicht nur auf die Beatmung reduziert.

Vielen Dank für das Gespräch, Sven!